Leipziger Kammerorchester

Das Leipziger Kammerorchester wurde 1971 von Musikern des Gewandhausorchesters gegründet. Das Ziel war, neben ihrer Tätigkeit in Oper und Konzert in einem eigenen Ensemble sich mit den neusten Erkenntnissen der historischen Aufführungspraxis auseinander zusetzten und einem breiten Publikum zu Gehör zu bringen.

Seit dem Jahr 2000 hat Morten Schuldt-Jensen die künstlerische Leitung übernommen und durch seinen persönlichen Stil ein flexibles und zeitgemäßes Ensemble geformt.

Konzerte bei den Rheingau-, Schleswig-Holstein- und Mecklenburg-Vorpommern Musikfestivals sowie Reisen nach Dänemark, Spanien, Korea und Japan belegen dies eindrucksvoll. Vor allem legen zahlreiche CD-Einspielungen bei Naxos Zeugnis der Vielfältigkeit des Orchesters ab. Orchester und Dirigent suchen stilgerecht die Linien der Kompositionen auf modernen Instrumenten nachzuzeichnen - durch Artikulation, Phrasierung und entsprechende Klangfarben. So können die technischen Möglichkeiten des heutigen Instrumentariums mit aufführungspraktischen Erkenntnissen vom Barock bis zur Moderne verbunden werden. Als Ergebnis wird jede Stilepoche und jedes Werk in seiner kompositorischen Struktur hörbar.


Morten Schuldt Jensen, Chefdirigent: …

auf modernen Instrumenten?

Ist es sinnvoll, ein zerstörtes Barockschloss mit zwangsläufig nicht originalen Materialien zu rekonstruieren? Vielleicht - jedenfalls sind Respekt vor originalen Zeichnungen und Wissen über damalige Bautechniken wahrscheinlich eine Voraussetzung für ein gutes Ergebnis.

Und soll die Illusion überzeugen, ist es dann eine gute Idee, die Thermofenster und andere moderne Bequemlichkeiten beiseite zu lassen, oder zumindest dem gewünschten Stil entsprechend zu verkleiden. Ein Kühlschrank in der Ecke und ein Kieferholz-Regal sind, obwohl ganz praktisch und heute eine Selbstverständlichkeit, nicht besonders förderlich für die Barockillusion. Selbst einen Woll-Pulli auf einem Stuhl liegen zu lassen, verändert unsere Wahrnehmung des barocken Saales.

Ist es sinnvoll, die Aufführungspraxis des 18. Jahrhunderts auf modernen Instrumenten darzustellen? Meiner Meinung nach schon; erforderlich ist jedoch auch in diesem Bauvorhaben ein klares Konzept, so für Phrasierung und Artikulation.

Mozart und Haydn sind in dem, was wir heute Barockpraxis und ältere Vokalpolyphonie nennen würden, aufgewachsen und geschult worden. Ein erster Schritt hin zu einer klanglichen Realisierung ihrer Partituren muss zwangsläufig mit einer Auseinandersetzung, in welche die nicht notierten weil damals allgemein bekannten Konventionen mit einbezogen werden, beginnen.

Wir wissen so ungefähr, wie die geschriebenen Noten auf den damaligen Instrumenten geklungen haben, aber die technische Umsetzung von dieser Klangvorstellung auf modernen Instrumenten fordert Zeit und Geduld und nicht zuletzt Sänger und Musiker, die eine zeitweilige Änderung in ihrer Spieltechnik akzeptieren und durchführen können. Hierzu ein Beispiel: Sowohl linke wie auch rechte Hand müssen bei den Streichern ganz anderen Mustern folgen, als es in den letzten 60 bis 70 Jahren gebräuchlich geworden ist, die Sänger müssen anders registrieren und die Holzbläser mit anderen, leichteren Rohren spielen, beide müssen ihre Atmungstechnik ändern, die Luftgeschwindigkeit ist oft eine andere, etc.

Eine Zeit lang kann es scheinen, als ob man ‚nur’ arbeitet, und nach heutigen Vorstellungen des einzelnen Musikers nicht immer erkennbar sinnvoll, denn auch die Arbeitsverteilung zwischen den Musizierenden hat sich im Laufe des 19. Jahrhunderts verändert – eine ewige Melodie ohne ‚Löcher’ im Vortrag z.B. gab es noch nicht. Aber dann, eines Tages, wenn man sich auf dieser Baustelle umschaut, kann man einen Hauch früherer Zeiten erleben, einen Ausdruck, den man nicht mehr kannte, eine Ästhetik, die verloren gegangen war. Solche Augenblicke machen süchtig. Und dann muss man einfach nur weiter, bis der Raum fertig ist, komplett mit Stuck und allem.

Eine Illusion bleibt es. Hoffentlich gefällt sie Ihnen.